Teil 6: Der Exit – Wie ich den Kaufpreis meines Unternehmens berechnete

Jeder Gründer träumt heimlich vom „Exit“. Doch wenn das Angebot tatsächlich auf dem Tisch liegt, weicht die Euphorie oft einer lähmenden Frage: Was ist mein Baby eigentlich wert? Ist es das, was die Bilanz sagt? Oder das, was mein Herz sagt? Als ich mein Portal verkaufte, lernte ich: Der wahre Wert liegt irgendwo dazwischen – und man muss ihn beweisen können.
Über Jahre hinweg hatte ich das Portal nicht im luftleeren Raum betrieben. Ich pflegte Kontakte. Man kannte sich in der Branche, beobachtete die Konkurrenz, trank Kaffee auf Messen.
Aus diesem Netzwerk heraus passierte es: Ein Wettbewerber legte mir ein konkretes Übernahmeangebot vor. Plötzlich war das Thema „Verkauf“ keine Theorie mehr. Es war eine Zahl auf einem Stück Papier. Und diese Zahl zwang mich, meine Hausaufgaben zu machen.
Der Boden der Tatsachen
Um nicht über den Tisch gezogen zu werden, musste ich meine eigene „Schmerzgrenze“ definieren. Ich griff zur klassischen Betriebswirtschaft: Dem Ertragswertverfahren.
Vereinfacht gesagt: Was würde das Unternehmen in den nächsten Jahren an Gewinnen abwerfen, wenn es so weiterläuft wie bisher?
Diese Berechnung ist nüchtern. Sie basiert auf Zahlen, Daten, Fakten. Sie lieferte mir das wirtschaftliche Fundament – den Preis, unter dem ich auf keinen Fall verkaufen würde.
Aber ich wusste: Das ist nicht der ganze Wert.
Der Faktor „X“
Ein Unternehmen ist mehr als seine Excel-Tabelle. Besonders in der Tech-Branche. Ich addierte einen Aufschlag für die immateriellen Assets, die ich über die Jahre aufgebaut hatte:
- Der Google-Ritterschlag: Die exklusive Partnerschaft als Rezensionslieferant war ein Burggraben, den ein neuer Wettbewerber kaum überwinden konnte.
- Die Technologie: Mein selbst entwickelter Manipulationsschutz (siehe letzter Artikel) war Gold wert in einer Branche, die mit Fakes kämpft.
- Die Leidenschaft: Das Herzblut und die Marke, die bei den Kunden vertrauen genoss.
Aus der Summe von „Ertragswert“ und „Faktor X“ errechnete ich meine Forderung. Ich wusste jetzt genau, was das Portal wert war.
Das Bieterverfahren: Wenn sich das Blatt wendet
Das Glück ist mit den Tüchtigen (und den Vernetzten). Fast zeitgleich zum ersten Angebot meldete sich ein zweiter Interessent aus meinem Netzwerk.
Plötzlich war ich nicht mehr der Bittsteller, der froh sein musste, dass jemand kaufen will. Ich war das begehrte Objekt in der Mitte.
Es entstand ein kurzes, aber intensives Bieterverfahren. Meine Verhandlungsposition verbesserte sich massiv. Ich konnte nicht nur über den Preis sprechen, sondern auch über die Bedingungen.
Die Entscheidung: Warum Geld nicht alles ist
Am Ende lagen zwei attraktive Angebote auf dem Tisch. Ich entschied mich – vielleicht überraschend für manche – nicht rein nach dem höchsten Gebot.
Ich wählte den Käufer, mit dem ich bereits eine lange Kontakthistorie hatte. Ich kannte die handelnden Personen. Ich wusste, wie sie ticken, wie sie arbeiten und dass die Chemie stimmt.
Warum war das so wichtig?
Weil mein Exit kein Abschied für immer sein sollte.
Ich hatte eine zentrale Bedingung gestellt: Ich wollte nicht das Geld nehmen und verschwinden. Ich wollte, dass meine weitere Tätigkeit für die Plattform Bestandteil des Deals wird. Ich wollte das „Baby“ weiter begleiten, nur in neuer Rolle.
Da ich wusste, dass ich mit diesem Käufer auch in Zukunft am selben Tisch sitzen würde, war das menschliche Vertrauen wichtiger als der letzte Euro im Kaufpreis.
Mein Rat an jeden Unternehmer
- Kenne deinen Wert, bevor jemand fragt: Warte nicht auf ein Angebot, um dich mit Unternehmensbewertung zu beschäftigen. Wisse immer, was deine Assets (auch die immateriellen!) wert sind.
- Pflege dein Netzwerk: Die besten Deals kommen selten von Fremden. Sie kommen von Menschen, die deine Reise seit Jahren beobachten.
- Soft Skills sind Hard Currency: Bei einem Verkauf übergibt man nicht nur Schlüssel und Passwörter. Man übergibt eine Kultur. Wenn der Käufer menschlich nicht passt, wird die Übergabe zur Hölle.
Ein neues Kapitel beginnt
Der Vertrag war unterschrieben. Der Preis stimmte. Die Zukunft des Portals war gesichert.
Doch mit der Unterschrift entstand ein neue Herausforderung: Ich war zu diesem Zeitpunkt noch Berufssoldat (hatte Beamtenstatus). Ich hatte Sicherheit, Pension und einen klaren Pfad.
Nun war ich plötzlich „Angestellter“ im eigenen Ex-Unternehmen und verfügte über Kapital.
Ich stand vor der Wahl: Die goldene Sicherheit des Staates behalten? Oder alles auf die Karte Freiheit und Wachstum setzen?
Nächsten Freitag: Warum ich meinen Beamtenstatus kündigte, wie sich „Freiheit“ anfühlt und warum Sicherheit eine Illusion ist.